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Black #31 10/2001
Günter Schroth - Barcode Music
- Wie klingt eine Tafel Milleniumsmilka? -

Habt Ihr Euch auch schon mal gefragt, was diese senkrechten schwarzen Balken und Striche, die auf jeder Produktverpackung zu finden sind, in Wahrheit bedeuten? Daß sie nicht wirklich das lästige Bezahlen an den Supermarktkassen beschleunigen, beweisen alle Aldi-Kassiererinnen, die sie bis heute beharrlich ignorieren. Es muß also noch einen weiteren Grund geben, warum die Industrie an den Barcodes festhält. Bestimmt will sie damit findige Bastler und Musiker wie Günter Schroth unterstützen. Denn diese modernen Preisschilder eignen sich hervorragend zum Musizieren, man muß nur wissen, wie! Nachdem wir mit Günter Schroth schon einmal, über SIX AND MORE, ein Interview führten, haben wir uns dieses Mal mit ihm über seine BARCODE MUSIC unterhalten.

Traditionell handelt die erste Frage immer von der Bandbiographie. Wann hast du zum ersten Mal die Idee zu Barcode Music gehabt, und ab wann hast Du das ganze in die Tat umgesetzt? Insbesondere interessiert mich in Deinem Fall, wie Du darauf gekommen bist, die in den Barcodes gespeicherte Information akustisch umzusetzen.
Die Idee, mit einem Barcode Lesestift zu arbeiten, ist 1994 entstanden. Ich war schon seit geraumer Zeit unzufrieden mein Programm, mit dem ich meine Synthesizer ansteuerte, per Mausklick zu bedienen. Dazu muß man wissen, daß ich ein Programm geschrieben hatte, mit dem ich alle Parameter meiner Synthesizer über MIDI System Exklusiv Daten in Echtzeit und per Mausklick mehreren Funktionen zuordnen und damit steuern konnte. Und für jede Kombination Parameter/Funktion habe ich ein Kästchen auf den kleinen Atari Bildschirm gemalt, habe dann Scroll Funktionen eingebaut, das Ganze wurde immer unübersichtlicher und bei Improvisationen mit anderen Musikern konnte ich nicht mehr schnell reagieren. In diesen Tagen habe ich viel mit Freunden diskutiert, wie ich mein Problem des zu kleinen Bildschirms lösen könnte. Wir haben dann auch Ideen verfolgt, ein riesiges Schaltbrett zu machen, mit vielen Lämpchen, die leuchten, wenn eine Funktion eingeschaltet war, aber das wäre viel zu aufwändig geworden. In einer Spätsommernacht, saß ich mal mit oben erwähnten Freunden auf einer Parkbank und wir fachsimpelten so vor uns hin, bis die Idee mit dem Barcodelesestift aufkam. Einer dieser Freunde arbeitete damals gerade in einer Firma, die die Software für so einen Scanner herstellte. Er konnte mich dann mit allen weiteren Informationen versorgen, die ich brauchte, um die Barcodedaten in meinen Computer einzulesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich hauptsächlich die Barcode als Ersatz für meine Kästchen auf dem Bildschirm angesehen. Aber einmal damit angefangen liegt natürlich ein Reiz darin, auch die Barcodes zu benutzen, die auf jedem Konsumgut aufgedruckt sind. Eine Einladung vom freien Musikzentrum München zu einem Tag für Computermusik hat die Sache dann noch etwas beschleunigt, und ich habe ein Programm eigens für ein Solo-Konzert geschrieben bei dem ich hauptsächlich die EAN 13 Barcodes der Waren abscanne. Bis jetzt hatte ich die Barcodes nur als exakt definierte Steuercodes für meine Programme benutzt, bei den Performance Programmen wäre dies langweilig gewesen, außerdem war es schon eine faszinierende Idee mal zu hören wie den eine Colabüchse oder ein Meister Propper klingt.

Nun, eigentlich hört man ja gar nicht die Colabüchse selbst, sondern eine Interpretation ihres Preisschildes...Hast schon mal darüber nachgedacht, mit den Barcodes nicht Deine Synthesizer sondern einen Sampler anzusteuern?
Nein, ein Preisschild ist der Barcode nicht, nur an der Wursttheke wird vielleicht der Preis mit dem Barcode dargestellt. Ansonsten ist es eine eindeutige Nummer, die nur dieses Produkt hat, der kann dann natürlich in jedem Geschäft ein unterschiedlicher Preis zugeordnet werden. Es ist vielleicht vergleichbar mit speziellen Namen, wo wir auch gewissen Vorurteilen unterliegen und sagen, der paßt aber zu dem Typen. Und wer tatsächlich das Material einer Colabüchse selbst hören will, tja der soll mal eine leer trinken und das Blech knacken lassen. Mit einem Sampler habe ich vor ca. 6 Jahren mal gearbeitet, ich habe ihn damals benutzt um O-Töne zu einer Filmmusik zu verarbeiten. Titel des Videos war "Ingenieursstudium für Frauen". Aber für meine normalen Kompositionen nehme ich doch lieber einen Synthesizer als Klangquelle, das klingt einfach natürlicher und dynamischer als ein starr ablaufendes Sample.

Als das Konzept dann stand, wie bist Du methodisch vorgegangen? Mußtest Du Dir selbst Software schreiben, oder konntest Du auf vorhandene Programme zurückgreifen?
Wie ich unter Antwort 1 schon dargestellt habe, habe ich nie das Konzept verfolgt, mir Software zu kaufen, sondern wollte alles immer mit GFA Basic auf meinem Atari selber programmieren. Insofern stellte sich die Frage nach vorhandenen Programmen bei mir nicht. Methodisch bin ich allerdings bei dem Aufbau meiner Stücke für die Barcode Music Performance schon vorgegangen, ich würde sogar sagen eher didaktisch. Der Anfang des ersten Stückes "EAN 13 pur" meiner Performance übersetzt die Zahlen der Barcodes direkt in Midi Noten. Man kann sich ja leicht vorstellen, daß dies schnell langweilig wird, aber man hat so wenigsten eine kleine Chance zu verstehen, wie es technisch realisiert wird. Danach setze ich nach und nach kleine Funktionen ein, die den Tonhöhenumfang spreizen und das Ganze rhythmischer machen. Das Prinzip des zweiten Stücks "EAN 13 exclusive" besteht aus einem Dauerton, der durch Parameterveränderungen, die über den Barcode eingelesen werden manipuliert wird. Dieses Stück verdeutlicht das wichtigste Element meiner Sounderzeugung, die ständigen dramatischen Klangveränderungen. Mein drittes Performance Stück "EAN 13 ultra" kombiniert dann beide Varianten der ersten beiden Stücke uns durch ein besonderes Konzept erreiche ich, daß jedes Produkt, was ich bei diesem Stück abscanne anders klingt als, ein anderes Produkt. Bei meinen vierten Stück "EAN 13 industrial" hatte ich mir die Aufgabe gestellt, ein rhythmisches, fast tanzbares Stück zu machen. Ab und zu spiele ich auf der Bühne auch noch ein fünftes Stück" Code 39 in Rotation", bei dem der Witz darin liegt, daß der Scanner statisch ist, und die Barcodes, aufgeklebt auf einer Schallplatte, sich bewegen.

Aus welchen Musikszenen erhältst Du den meisten Zuspruch? Hast Du Kontakt zu Leuten aus der “Neuen Musik"?
Das ist recht bunt gemischt, natürlich aus der Industrial- und Black-Szene, bißchen aus der melodiösen Elektronik- und der Noise-Ecke, ein wenig aus der progressiven Rock- und Jazz-Szene, viel aus der Improvisiererszene, und am meisten von Leuten, die Sound Collage lieben. Was die Neue Musik anbelangt habe ich natürlich mit Leuten zu tun, die Computermusik machen, oder ihre Stücke in einem Elektronischen Studio in irgendwelchen Institutionen aufnehmen. Auch mit anderen Komponisten der Neuen Musik habe ich gelegentlich zu tun. Ich denke, die Klangkompositionen haben mit vielen anderen Musikstilen Schnittmengen.

Würdest Du eigentlich gerne einmal in Donaueschingen spielen?
Wenn die mich einladen, würde ich wahrscheinlich auch dort spielen. Aber am liebsten habe ich tatsächlich Konzerte wie am 30.09.00 in der Oetinger Villa (in Darmstadt) oder am 11.08.00 in der Kunstverladehalle (in Rüsselsheim, Anm. d. Red.). Es sind einfach die Leuten vor, auf und hinter der Bühne, die das Spielen auf solchen Veranstaltungen so angenehm machen.

Bei Deinem Auftritt in Darmstadt war das Publikum anfangs sehr interessiert an Deiner Performance, aber einige Leute sind dann doch in den Vorraum gegangen. Ich konnte ein wenig die Gespräche mithören. Der Tenor war meistens, daß Deine Idee als sehr gut bewertet wurde, viele aber mit Deinen konkreten, abstrakten Sounds wenig anfangen konnten. Es sei etwas trocken, man müßte noch etwas Melodie hinzufügen, sagten viele. Was entgegnest Du auf diese Kritik?
Ich denke es ist normal, daß jeder die Musik, die er auf der Bühne hört, am liebsten in die Richtung seines Geschmacks ziehen möchte. Am häufigsten höre ich: Geiles Intro, aber wo bleibt der Beat? Tja, der kommt bei meiner Musik nur selten. Das Grundprinzip bei meiner Musik ist es, die Klangstrukturen in Beziehung zueinander zu setzen, nicht primär die Tonhöhen oder die Beats. Sobald ich Melodie, Beats, Stimme, Video etc. zu meiner Musik hinzufügen würde, würden die abstrakten Klangstrukturen in den Hintergrund treten, aber genau auf die kommt es mir ja an. Für meine Musik wären Melodie und Rhythmus nur reine akustische Geschmacksverstärker, um mich bei einem Publikum anzubiedern, das meine eigentlichen Absichten eh nicht unterstützt.

Bei unserem Gespräch über SIX AND MORE hast Du beiläufig erwähnt, daß Du mit der Rockmusik der 70er Jahre groß geworden bist. Wann und wie kam es eigentlich, daß Du - zumindest was BARCODE MUSIC anbelangt - von den Strukturen der Rock-Pop-Musik komplett Abschied genommen hast?
Es war für mich schon immer ein großer Unterschied zwischen der Musik die ich zu Hause auf LPs gesammelt habe, und der Musik, zu der ich in Discotheken getanzt habe. Vor 15 Jahren gab’s noch keinen Techno, und die Clubs, in denen ich mich am wohlsten gefühlt habe, haben die Rock Oldies gespielt, Hippie, Flower Power Schlabberlook. Andererseits habe ich mir zu Hause die frühen Kraftwerk, Schulze, Tangerine Dream, Kluster etc. Platten reingezogen. Das war alles Musik, die auch schon längst von den Strukturen der Rock-Pop-Musik Abschied genommen hatten. Und da ich schon immer Zuhörmusik und nicht Tanzmusik machen wollte, war es nur folgerichtig, daß ich anfing mit synthetisch erzeugten Klangstrukturen freie Kompositionen zu erstellen.

Vielen Dank an Günter Schroth für die interessanten Antworten auf meine Fragen!
Interview und Photos: Tim Beissert

Photos: SONIC DECONSTRUCTION - Festival, Oetinger Villa, Darmstadt, 30.09.00.

Auswahldiskographie:
Eine komplette Auflistung der Samplerbeiträge und Projekte, an denen Günter Schroth beteiligt ist, würde den Rahmen des Interviews sprengen. Wer daran Interesse hat, wende sich bitte an den Künstler selbst.
1988 V.A. "#@$ 11mal elektronische Musik aus München" (Chaos Sound Unlimited, LP)
1990 Macadam "Tartan" (Bestattungsinstitut, MC)
1991 Négligé electronic underwear "Pränatal Inferno" (ARCHEGON, CD)
1993 Six And More "Do Not Open!" (ARCHEGON, CD)
1994 Six And More "The Mainz Concert" (Unknown Listener Records, CDR)
1994 V.A. "Endart Telefon Festival" (End Art, Video)
1996 Six And More "Blue Q" (ARCHEGON, CD)
1997 Noise Factory “Noise Factory 2” (Stein Sein /ARCHEGON, CD)
1998 Noise Factory “Noise Factory 1997” (Y-Ton-G, CDR)
1999 V.A. “Medusamusik, floß der” (Kunstverladehalle, CD)
1999 Six And More “Oisi Voci” (ARCHEGON, CD)
2000 Günter Schroth “Barcode Music” (ARCHEGON, CD)

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